Das Fahrrad bedeutet Selbstständigkeit

Bei speziellen Kursen lernen Migrantinnen Radfahren

Von Julia Pennigsdorf
Etwas wackelig, aber gut gelaunt zieht Genet Negash auf dem Hof des Kulturtreffs Hainholz ihre Runden. Die Frau aus Eritrea ist 43 Jahre alt, Mutter dreier Kinder und lernt in ihrer neuen Heimat Fahrradfahren. Das knallorangefarbene Klapprad hat sie sich von ihrem zehnjährigen Sohn geliehen, und auch, wenn sie immer mal wieder im Blumenbeet landet, ist Genet Negash mit Spaß und Ehrgeiz bei der Sache.
Seit rund einem Jahr bieten die Mitarbeiter des Kulturtreffs Fahrradkurse für Frauen mit Migrationshintergrund an. Die Nachfrage ist groß. „Unsere Kurse haben sich herumgesprochen. Wir könnten glatt gleich noch einen weiteren anbieten“, erzählt Geschäftsführerin Svenja Schlüter.
Die Idee für das ungewöhnliche Projekt, das bisher in einer ähnlichen Art nur von dem Kulturverein Spokusa in der Nordstadt angeboten wird, kam von den Frauen selbst. „Die Idee entstand in den Deutschkursen, die wir für Migrantinnen anbieten“, berichtet Schlüter. „Dort öffneten sich die Frauen, wurden selbstbewusster und äußerten auch Wünsche – einer davon war es, Radfahren zu erlernen.“
Für Negash ist das Fahrrad ein Stück Selbstständigkeit. In ihrer Heimat, so erzählt die Afrikanerin, sei es unüblich, Rad zu fahren. „Wir haben sandige Straßen und viele Berge“, sagt Negash. Auch Hava Karabulut aus Montenegro sitzt erst den dritten Tag auf dem Sattel. Unter den kritischen Augen ihrer neunjährigen Tochter Gizem, die ihr lautstark Tipps zuruft, dreht sie ihre Runden. Wie Jayarani Logitharajah aus Sri Lanka erhofft sich Karabulut Erleichterungen für ihren Alltag als Mutter und Hausfrau. „Es wäre schon schön, wenn ich meinen kleinen Sohn und den Einkauf mit dem Rad transportieren könnte”, sagt Logitharajah.
Doch bevor sie von ihren Lehrerinnen Seher Aksu und Tetyana Zhulyeva in den Straßenverkehr entlassen werden, müssen sie noch einige Trainingsstunden absolvieren. Denn Gleichgewicht halten, einhändig fahren, damit man auch die Hand zum Abbiegen ausstrecken kann, rechtzeitig bremsen – das alles zu lernen fällt den insgesamt 20 erwachsenen Frauen nicht leicht.
Dazu kommt die Theorie. Gemeinsam mit zwei Polizistinnen aus Hainholz, der Kontaktbeamtin Dagmar Maronde und Fulya Kurun, Mittlerin für Migranten und Ausländer, hat Schlüter einen Dreistufenplan erstellt. Die Frauen lernen nicht nur, Rad zu fahren, sie machen auch Stadtteilspaziergänge mit den Polizistinnen, bei denen die Verkehrsregeln sowie die Bedeutung der Verkehrsschilder erläutert werden. Am Ende des zehnwöchigen Kurses müssen sie eine Prüfung ablegen. Finanziert wird der Hainhölzer Fahrradkursus aus Mitteln des Bund-Länder-Programms „Soziale Stadt“, das Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf fördert. 1600 Euro kosten die vier Kurse, an denen zurzeit jeweils fünf Frauen teilnehmen. Für Hava Karabulut hat sich der Kursus auch nach bisher nur drei Stunden bereits gelohnt. „Mein Mann und meine Tochter sind sehr stolz auf mich“, sagt sie, legt ihrer Tochter den Arm um die Schultern und geht nach Hause. Zu Fuß.


Genet Negash umkurvt auf dem Rad ihres Sohnes ein Hindernis. Steiner